Papilio-U3: Auf die Beziehung kommt es an!

Programm für Gesundheitsförderung und Prävention für Kinder unter drei Jahren in Kindertagesstätten

  • Sichere Bindung durch Feinfühligkeit aufbauen
  • Frühzeitig sozial-emotionale Kompetenzen fördern
  • Von Beginn an die psychosoziale Gesundheit stärken

Hier geht's direkt zu den detaillierten Fortbildungsinformationen

Zertifikatsfortbildung für Träger, Trainerinnen und Trainer, die das Programm in Kitas schulen möchten

Fortbildung für pädagogische Fachkräfte in Kitas

Kooperation bei Entwicklung und Verbreitung

Logo BARMER

Im Rahmen eines Entwicklungsprojekts haben die BARMER als Entwicklungspartner und die Papilio gGmbH als Projektträger das Programm Papilio-U3 gemeinsam mit den Wissenschaftsteams der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Freien Universität Berlin entwickelt und evaluiert.

Die BARMER fördert als Präventionspartner in den Jahren 2021 und 2022 die nachhaltige bundesweite Verbreitung des neu entwickelten Programms in Kitas. Grundlage ist der gesetzliche Auftrag zur Prävention und Gesundheitsförderung. Die Papilio gGmbH setzt als verantwortlicher Programmträger Papilio-U3 um.

Ziele des Programms Papilio-U3

Erzieherin mit kleinem Jungen auf dem Arm

Die Hauptziele von Papilio-U3 sind, eine sichere Bindung durch Feinfühligkeit aufzubauen, frühzeitig die Vorläufer sozial-emotionaler Kompetenzen zu fördern und so von Beginn an die psychosoziale Gesundheit der Kinder zu stärken.

Situation in U3-Kitas und Zahlen dazu

Über ein Drittel der Kinder unter drei Jahren werden in Kitas betreut und die Zahlen steigen (Details siehe unten). In diesem Alter ist eine sichere Bindung zu den Bezugspersonen zentral. Sie wirkt wie ein sicherer Hafen, von dem aus Kinder die Welt erkunden und Neues lernen können. Das beeinflusst die kindliche Entwicklung und prägt das ganze Leben. Um potentielle Risiken für die Entwicklung der Kinder zu minimieren, sollte die personelle Betreuungsqualität optimal gestaltet werden. Doch die Belastungen für Fachkräfte in Kitas sind hoch und sie sind nur selten speziell für die Förderung der unter Dreijährigen ausgebildet. Deshalb wurde Papilio-U3 entwickelt.

Zahlen zur Tagesbetreuung von unter Dreijährigen

Seit August 2013 haben Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Kindertageseinrichtung.

Im März 2020 (2019) wurden bundesweit 829.200 (818.500) Kinder unter drei Jahren in einer Kita oder in der Kindertagespflege betreut (www.bmfsfj.de). Das entspricht einer Betreuungsquote von 35 % (34,3 %). Die Betreuungsquote hat sich zwischen 2006 (286.000 Kinder) und 2020 im Bundesdurchschnitt um über 20 Prozentpunkte erhöht. Die absolute Zahl der betreuten Kinder hat sich in den letzten elf Jahren etwa verdoppelt (2009: 417.000).

Die meisten Kinder werden in Einrichtungen betreut: 2020 (2019) waren es 695.048 (687.427). In der Tagespflege (Tagesmütter und -väter und Großtagespflege) waren es 134.934 (132.305) Kinder. Die Differenz zur Gesamtsumme ergibt sich daraus, dass manche Kinder zwei Einrichtungsarten besuchen.

In den Altersjahren sind die Betreuungsquoten sehr unterschiedlich: Von den unter Einjährigen waren 2020 (2019) bundesweit 1,8 (1,9) % der Kinder in einer Tagesbetreuung. Bei den Einjährigen waren es 37,5 % (37,1 %), bei den Zweijährigen 64,5 % (63,2 %). Das heißt: Zwei Drittel der Zweijährigen besuchen in Deutschland eine Kita oder eine Tagespflege. Die Betreuungsquote in den Bundesländern reicht dabei von 52,5 % (Saarland) bis 90,0 % (Mecklenburg-Vorpommern).

Quellen

Statistisches Bundesamt (2020). Pressemitteilung Nr. 380 vom 30. September 2020. www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/09/PD20_380_225.html zuletzt abgerufen am 5. Februar 2021

Statistisches Bundesamt (2019). Pressemitteilung Nr. 379 vom 26. September 2019. www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/09/PD19_379_225.html zuletzt abgerufen am 14.4.2020

Link zu den Daten

www-genesis.destatis.de/genesis/online?sequenz=statistikTabellen&selectionname=22541*

Fortbildungen und Qualität

Um dies in Kitas dauerhaft umsetzen zu können, besuchern Erzieherinnen und Erzieher eine mehrstufige Fortbildung, Umfang insgesamt 7,5 Tage, verteilt über etwa ein Jahr. Die Umsetzung in der Kita beginnt nach der ersten Fortbildungseinheit. Die Fortbildung vermittelt aktuelles Wissen und verändert Haltung und Verhalten der Fachkräfte. Das gelingt über Selbsterfahrung, Austausch, Video und Feedback.

Im Kita-Alltag wird Papilio-U3 dauerhaft und nachhaltig umgesetzt, vor allem über das Erziehungsverhalten der Fachkräfte. Dabei geht es um vier Themen:

  • Sozial-emotionale Kompetenzen,
  • Temperament,
  • Bindung und
  • Feinfühligkeit.

Speziell wichtig sind zudem die Eingewöhnung in die Kita und die Zusammenarbeit mit Eltern. Für die Kinder werden Spielideen, Lieder und Gefühlskarten zur Verfügung gestellt. Für Fachkräfte gibt es einen attraktiven „Hingucker“ für den Kita-Alltag.

Die vier Kernthemen bei Papilio-U3

Sozial-emotionale Kompetenzen

Sozial-emotionale Kompetenzen sind zentral wichtig für eine positive Entwicklung. Papilio-U3-Fachkräfte erwerben deshalb gleichermaßen Wissen und ein Gespür dafür, wo Kinder unter drei Jahren in ihrer sozial-emotionalen Entwick-lung stehen. Das betrifft Aspekte wie:

  • Spielt ein Kind nur für sich allein oder schon mit anderen Kindern?
  • Teilt es Dinge? Nur mit Erwachsenen oder auch mit Gleichaltrigen?
  • Hilft es anderen?

Die Fachkräfte fördern die Entwicklung der Kinder und helfen, wenn sie z.B. wütend, traurig oder ängstlich sind. Wichtig sind

  • die Körperwahrnehmung,
  • die Vorbildfunktion der Fachkräfte,
  • das Spiegeln von Gefühlen und
  • das Reden über Gefühle.

Temperament

Die betreuenden Fachkräfte achten auf die Persönlichkeitseigenschaften und individuellen Unterschiede der Kinder und gehen auf die entsprechend unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder ein. Dabei geht es um Fragen wie:

  • Gebe ich dem ruhigen Kind genug Rückzugsmöglichkeiten?
  • Hat das aktive Kind genug Bewegungsraum?
  • Hat das schüchterne Kind genug Zeit, sich an neue Situationen zu gewöhnen?

Möglichst alle Kinder sollen sich optimal entwickeln. Entscheidend dafür ist, welche Eigenschaften die Betreuenden mitbringen und was sie von einem Kind erwarten. Ein Kind, das gut zu zur Bezugsperson passt, wird eher als angenehm wahrgenommen und entsprechend gefördert. "Andere" Temperamente werden als "schwieriger" empfunden. Zentral wichtig bei Papilio-U3 ist deshalb, dass Fachkräfte auf das individuelle Temperament eingehen und diese "Passung" professionell herstellen und reflektieren.

Bindung

Ein Kind baut Bindung zu einer Bezugsperson (z.B. der Mutter) auf, wenn diese viel Zeit mit ihm verbringt und viel interagiert.

Das Ideal ist eine "sichere Bindung". Sicher gebundene Kinder haben weniger Stress, erkunden ihr Umfeld, entdecken und lernen. Eine sichere Bindung ist deshalb ein wichtiger Schutzfaktor für die weitere Entwicklung, eine unsichere Bindung dagegen ein Risikofaktor.

Die Bindungsqualität sicher/unsicher ist abhängig vom Verhalten der erwachsenen Bindungsperson, nicht vom Kind. Ein Kind kann sichere und unsichere Bindungen haben. Wichtig ist, dass es überhaupt eine sichere Bindung erlebt, egal zu wem.

Ein Drittel der Kinder sind unsicher an die erste Bindungsperson gebunden. Gerade für diese Kinder ist eine sichere Bindung zu einer Erzieherin oder einem Erzieher entscheidend: Die Fachkraft ist DIE Bindungsalternative. Papilio-U3-Fachkräfte achten auf Kontinuität, damit eine sichere Bindung entstehen kann. Das beginnt mit einer bindungsfördernden Kita-Eingewöhnung.

Feinfühligkeit

"Feinfühliges" Verhalten ist die Voraussetzung für den Aufbau einer sicheren Bindung und definiert sich durch folgende vier Schritte:

  1. Bedürfnis wahrnehmen (Kind weint).
  2. Richtig interpretieren (Hunger? Traurig? Schmerzen?).
  3. Schnell und
  4. angemessen reagieren (Füttern, Trost, Nähe anbieten).

Mit Papilio-U3 achten Erzieherinnen und Erzieher vor allem auf feinfühliges Verhalten gegenüber ALLEN Kindern in der Gruppe. Wichtig sind hier z.B. eine warme Atmosphäre, das Moderieren gemeinsamer Aktivitäten und das aktive Begleiten von Spielideen, ohne zu dirigieren.

Das Besondere an Papilio-U3

Die Videos "bringen einem ganz viel"

Das Videofeedback schätzten alle Papilio-U3-Fachkräfte aus dem Entwicklungsprojekt als besonders wertvoll ein. Sie filmen sich im Alltag gegenseitig und senden das Video an ihre Trainerin oder ihren Trainer. Diese geben ein gezielt positives Feedback an die Fachkraft. Ein derartiges Videofeedback verbessert die Feinfühligkeit am besten, das haben Studien nachgewiesen. Zudem machen zahlreiche Videobeispiele in der Fortbildung anschaulich, was feinfühlig ist – und was nicht.

Eine reine U3-Fortbildung mit durchgängig passenden Beispielen

Es gibt in Deutschland keinen Ausbildungsgang speziell für U3-Erzieherinnen und -Erzieher und kaum Fortbildungen. Papilio-U3 ist zudem ein evaluiertes Programm für diese Altersgruppe.

Theorie plus (!) Selbstreflexion bewirkt Verhaltensänderung

Basis ist die Erkenntnis, wie stark Erzieherinnen und Erzieher mit ihrem Verhalten die Entwicklung der Kinder beeinflussen; dies vor allem angesichts der langen Zeit, die Kinder in der Kita verbringen, z.T. von 8–16 Uhr.

Die Papilio-U3-Fortbildung bleibt nicht bei der Theorie, sondern stößt intensive Selbsterfahrungsprozesse an, die zu zentral wichtigen Erkenntnissen führen. Dann können Fachkräfte ihre Haltung und ihr Verhalten gegenüber Kindern auch tatsächlich verändern. Dabei geht es oft um vermeintliche „Kleinigkeiten“ im Kita-Alltag.

Achtsamkeit und Wohlwollen in der Kita

Erzieherinnen und Erzieher sind im Arbeitsalltag besonderen Belastungen ausgesetzt. Zu Papilio-U3 gehören deshalb Übungen und Methoden, mit sich selbst und den Kolleginnen und Kollegen achtsam und wohlwollend umzugehen.

Nachhaltigkeit

Das Programm ist nicht zeitlich befristet, sondern wird dauerhaft angewendet. Bei Fragen können sich Papilio-U3-Fachkräfte an ihre zuständige Trainerin bzw. ihren Trainer wenden – nicht nur während der Fortbildung, sondern auch darüber hinaus.

Die Wirkung von Papilio-U3

Das Programm Papilio-U3 nutzt wissenschaftlich fundierte Ansätze, seine Wirkung wurde wissenschaftlich evaluiert (quasi-experimentelles Warte-Kontrollgruppendesign mit Prä-, Post und Follow-up-Messung mit Kindern, Fachkräften, Eltern).

Das Entwicklungsprojekt 2017 - 2020
Logo Präventionspartner BARMER

Von 2017–2020 haben wir gemeinsam mit der BARMER als Entwicklungspartner und den Wissenschaftsteams der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Freien Universität Berlin das Programm Papilio-U3 entwickelt und evaluiert.

Info-Plakat zur Papilio-U3-Evaluationsstudie (Kitas)

Ausgangssituation

Immer mehr Kinder werden bereits vor ihrem dritten Lebensjahr in Kitas betreut (siehe oben "Situation in U3-Kitas und Zahlen dazu"). In diesem jungen Alter spielt die Qualität der außerfamiliären Betreuung eine besonders wichtige Rolle für die weitere Entwicklung der Kinder. Vereinzelte Erfahrungen zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen bei Kindern unter Drei liegen bereits aus Papilio-3bis6-Kitas vor, die auch U3-Gruppen betreuen.

Da war es nur folgerichtig, auch für diese kleinen Kinder ein Papilio-Programm zu entwickeln. Der Fokus liegt auf der Interaktion der Kinder mit den Erzieherinnen und Erziehern, da sich die sozial-emotionalen Kompetenzen in diesem Alter v.a. in Interaktion mit den Bezugspersonen entwickeln.

Stand des Entwicklungsprojekts

Das Entwicklungsprojekt ist 2017 gestartet.

Im ersten Schritt wurde der theoretische Hintergrund von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern recherchiert. Dies ist wichtig, damit nur Maßnahmen in Erwägung gezogen werden, die nach heutigem Stand der Forschung positive und erwünschte Wirkungen nach sich ziehen.

Dann wurden das Programm, die notwendigen Fortbildungen inklusive Schulungsmaterial sowie die Erhebungstools für die wissenschaftliche Evaluation entwickelt. Parallel dazu wurden Trainerinnen, Trainer und Kitas gesucht, die am Modellprojekt teilnehmen.

Multiplikatorinnen für die Fortbildung Papilio-U3 in den Modellregionen sind Trainerinnen, die im Frühjahr 2018 für das neue Programm geschult wurden. Die Fortbildungen für U3-Erzieherinnen führten sie von Herbst 2018 bis Mai 2019 durch.

Parallel zur Fortbildung wurden die Inhalte in den Modellkitas bereits umgesetzt.

Von Juni 2018 bis Mitte 2019 lief die Datenerhebung für die wissenschaftliche Evaluation mit drei Messzeitpunkten. Die Datenauswertung läuft.

Von Herbst 2019 bis Mitte 2020 liefen die Schulung der Kitas mit den Kontrollgruppen. Abschließend wurden alle Studienteilnehmerinnen zertifiziert.

Der offizielle Projektabschluss verzögerte sich Corona-bedingt.

Robert Bosch Stiftung


2020 förderte die Robert Bosch Stiftung ein Folgeprojekt zu Papilio-U3.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an

Dr. Charlotte Peter, Fon 0821 4480 8596, u3@papilio.de.