Verhaltensprobleme und Verhaltensstörungen bei Vorschulkindern: theoretische Grundlagen
Auf dieser Seite beschreiben wir Verhaltens- und emotionale sowie soziale Probleme, die Kinder im Vorschulalter haben können. Wenn diese Probleme lang anhaltend auftreten, können sie betroffene Kinder daran hindern, angemessen am altersüblichen Geschehen teilzunehmen, unter Umständen die Entwicklung gefährden und schlimmstenfalls zu Verhaltensstörungen im Kindesalter führen.
Die nachfolgenden theoretischen Hintergründe sind (gekürzt) dem Buch "Papilio: Theorie und Grundlagen" entnommen.
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Überblick
Ausgesuchte Studienergebnisse zur Häufigkeit
Aggressives Verhalten im Kindesalter
Sozial unsicheres Verhalten im Kindesalter
Konsequenzen von Verhaltensproblemen für die weitere Entwicklung
Ausgesuchte Studienergebnisse zur Häufigkeit
Verhaltens-, emotionale und soziale Problemen im Alter von 3 bis 6 Jahren, z.B. oppositionell-trotziges und aggressives Verhalten, aber auch Ängste und sozialer Rückzug, treten relativ häufig auf:
- In einer Elternbefragung über das Verhalten 4- bis 10-Jähriger
berichten die Eltern besonders oft über aggressives Problemverhalten: 29,7 % der Jungen und 25,9 % der Mädchen zeigen mindestens ein aggressives Verhaltensproblem stark ausgeprägt. 18,9 % der Jungen und 16,3 % der Mädchen zeigen mindestens ein Symptom im Bereich "Aufmerksamkeitsprobleme" stark ausgeprägt. Weitere problematische Verhalten oder soziale und emotionale Probleme (sozialer Rückzug, körperliche Beschwerden, Ängstlichkeit/Depressivität, soziale Probleme, schizoid/zwanghaftes Verhalten und dissoziales Verhalten) mit mindestens einem bedeutsamen Symptom zeigen 3-12,5 % der Kinder.
- Internationale Studien zeigen für oppositionelle Verhaltensstörungen
eine Prävalenzrate von 7-25 % für Kinder im Vorschulalter. Für den deutschen Sprachraum ermittelten Wissenschaftler, das 13,5 % der Eltern mindestens einmal täglich das Problem "Nicht-Befolgen von Anweisungen" haben. Wutausbrüche zeigen sich in der Familie bei 5,6 % der Kinder. Im Kindergarten dagegen beschreiben Erzieherinnen nur bei 2,5 % der Kinder oppositionelle Verhaltensweisen und nur bei 0,4 % Wutausbrüche. Es wird vermutet, dass die Kinder in der Familie problematischer erlebt werden als im Kindergarten.
- In einer anderen Studie berichten 23-30 % der Eltern über Wutanfälle
ihrer Kinder und bis zu 20 % der Eltern, dass sich ihre Kinder ihnen gegenüber körperlich-aggressiv verhalten würden. Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsprobleme werden ebenfalls häufig berichtet. Insgesamt weisen 13-17 % der 3- bis 6-Jährigen Verhaltensprobleme in einem klinisch bedeutsamen Ausmaß auf. Diese früh auftretenden externalisierenden Verhaltensproblemen sind zudem nicht nur kurzfristig: insbesondere die aggressiven und hyperaktiven Verhaltensprobleme der 3- bis 6-Jährigen waren über 2 Jahre relativ stabil.
- Fast die Hälfte der Verhaltensprobleme ist nach Elterneinschätzung im Bereich des oppositionellen und aufmerksamkeitssuchenden Verhaltens anzusiedeln,
berichtet eine andere Studie. Auch hyperaktives Verhalten und Unsicherheit in der sozialen Interaktion ist sehr häufig vertreten. Rund 18 % der Kindergartenkinder leiden unter emotionalen und Verhaltensstörungen, die behandlungsbedürftig sind.
Einige dieser Probleme lassen sich dabei deutlicher und leichter entdecken, da sie sich "nach außen richten" (externalisierende Probleme, z.B. aggressives Verhalten, Impulsivität, Hyperaktivität), als Probleme, die das Kind eher "nach innen richtet" (internalisierende Probleme, z.B. Angststörungen, anhaltende Traurigkeit).
Grundsätzlich ist es wichtig, zwischen gelegentlich auftretendem schwierigen Verhalten einerseits und Verhaltensstörungen andererseits zu unterscheiden. Nicht jedes Kind, das ein anderes Kind in einer bestimmten Situation schlägt, weist eine Störung des Sozialverhaltens auf, und viele Kinder haben in bestimmten Situationen Ängste, ohne eine Angststörung zu haben.
Der Begriff Verhaltensstörung bezeichnet in der klinischen Kinderpsychologie kein einzelnes Problemverhalten. Meist handelt es sich um ein Bündel problematischer Verhaltensweisen, die wiederholt und in einer bestimmten Intensität auftreten. Die daraus resultierenden Probleme im Alltag des Kindes sind zudem so stark, dass die Gefahr besteht, dass eine normale Entwicklung gefährdet ist.
Die meisten Störungen im Kindesalter fallen nicht in den Bereich klar abgrenzbarer diagnostischer Störungskategorien, was eine genaue Beschreibung und eindeutige Zuweisung oft erschwert und nur ermöglicht, wenn man die Kinder wiederholt, auch in unterschiedlichen Situationen beobachtet. Bei Kindern müssen zudem immer das Alter und der Entwicklungsstand berücksichtigt werden. Aggressives Verhalten und bestimmte Ängste sind im Entwicklungsverlauf bei sehr vielen Kindern "ganz normal". Beispiel hierfür ist das "Fremdeln", das viele Kinder im zweiten Lebensjahr zeigen. Aggressives Verhalten, z.B. Schlagen oder Spielzeug Wegnehmen, ist im dritten Lebensjahr recht häufig.
Aggressives Verhalten im Kindesalter
Unterschieden werden zwei Störungen, deren gemeinsamer Aspekt aggressives Verhalten ist:
- Störung des Sozialverhaltens
Kennzeichen ist ein wiederkehrendes Muster von Verhalten, welches die grundlegenden Rechte anderer Personen sowie wichtige Normen und Regeln verletzt. Dieses Verhaltensmuster ist keine kurzfristige Erscheinung. Bei Kindern mit dieser Störung liegt zudem eine Beeinträchtigung in wichtigen Lebensbereichen wie zu Hause oder/und im Kindergarten oder der Schule vor. - Störung mit oppositionellem Trotzverhalten
Hauptmerkmal ist ein Muster von trotzigem, ungehorsamem und feindseligem Verhalten gegenüber Erwachsenen, besonders nahestehenden Bezugspersonen. Die Kinder sind schnell wütend und kommen Aufforderungen, die an sie gestellt werden, oft nicht nach. Sie verärgern andere und sind auch selbst sehr leicht ärgerlich und zornig. Dabei geben sie oft anderen die Schuld für eigenes Fehlverhalten.
Von Verhaltensstörungen sollte nur gesprochen werden, wenn ein problematisches Verhaltensmuster längere Zeit andauert und für das Kind mit negativen Folgen in anderen Lebensbereichen einhergeht. Davon abzugrenzen ist gelegentliches aggressives und trotziges Verhalten. Dieses kann auch Ausdruck von Müdigkeit oder Stress sein.
Der Unterschied zwischen den beiden Störungen liegt vor allem darin, dass das oppositionelle Trotzverhalten durch ein etwas weniger schwer wiegendes Verhalten beschrieben wird. Es liegen insgesamt weniger problematische Verhaltensweisen vor und es fehlt körperlich-aggressives Verhalten gegen Menschen oder Tiere.
Darüber hinaus gibt es Störungen, die mit aggressivem Verhalten einhergehen können, bei denen jedoch das aggressive Verhalten nicht das zentrale Problem sind. Umgekehrt treten bei Störung des Sozialverhaltens und Störung mit oppositionellem Trotzverhalten oft weitere Störungen auf, z.B. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung oder Probleme der Impulsivität oder Aufmerksamkeit.
Die Unterscheidung, ob ein Verhalten als aggressiv eingeordnet wird, obwohl es sich um ein impulsives Verhalten handelt, das ein Kind aus Unachtsamkeit zeigt, ist nicht einfach. Wichtig ist, dass beim aggressiven Verhalten eine Schädigungsabsicht vorliegt. Dies ist bei Kindern mit ADHS nicht der Fall.
Etwas seltener, aber häufiger als bei psychisch gesunden Kindern, treten auch Trauer und sozialer Rückzug auf. Dies kann u.a. darauf zurückgeführt werden, dass die Kinder oft Konflikte mit ihren Eltern und anderen Personen erleben und von Gleichaltrigen häufiger abgelehnt werden.
Sozial unsicheres Verhalten im Kindesalter
Neben Kindern mit aggressivem oder trotzigem Verhalten fallen sozial unsichere Kinder oft kaum auf. Nicht selten treten sie auch in einer Gruppe von unauffälligen Kindern unter dem Eindruck, sie seien "pflegeleicht", in den Hintergrund. Sozial unsichere Kinder werden oft mit Begriffen wie "schüchtern" oder "gehemmt" beschrieben. Sie sprechen wenig oder nur leise, verstecken sich hinter anderen und vermeiden oft den Blickkontakt. Mimik und Gestik wirken häufig reduziert. Hinter sozial unsicherem Verhalten kann eine Reihe von Ängsten stehen.
Die häufigsten Ängste im Kindesalter sind:
- Trennungsangst
Starke Angst vor einer Trennung von der Bezugsperson. Dies kann sich dadurch äußern, dass die Kinder sich weigern, alleine zu Hause zu bleiben oder alleine woanders hinzugehen. Die Kinder sind häufig in Sorge, dass der Bezugsperson etwas Schlimmes passieren könnte. Zudem können körperliche Symptome wie Bauch- und Kopfschmerzen oder Übelkeit in Situationen auftreten, die mit einer Trennung verbunden sind. - Soziale Ängste/soziale Phobie
Anhaltende Angst vor fremden Erwachsenen und/oder Gleichaltrigen. Diese Angst ist so stark, dass die Kinder versuchen, Kontakte mit fremden Personen zu vermeiden. Ist dies nicht möglich, sind die Kinder deutlich befangen. Insgesamt sind die sozialen Beziehungen, außer zu den Hauptbezugspersonen, stark beeinträchtigt. - Generalisierte Ängste
Mehrere starke Ängste, die sich auf unterschiedliche Ereignisse oder Aktivitäten beziehen. Die Kinder werden von den Ängsten beherrscht und wirken oft ruhelos oder nervös, begleitet von Müdigkeit, Konzentrationsproblemen und Schlafstörungen.
Sozial-unsichere, schüchterne Kinder haben Angst, von anderen negativ bewertet zu werden, sich zu blamieren oder zu versagen. Sie fürchten sich vor Begegnungen mit mehreren Menschen oder mit Fremden. Sie vermeiden Sozialkontakte, es fällt ihnen schwer, Freundschaften aufzubauen, und sie werden durch Gleichaltrige zurückgewiesen bzw. gelten als wenig beliebt. In Spielsituationen beteiligen sie sich nicht, schauen oft nur zu, wagen es nicht, eigene Ideen und Bedürfnisse einzubringen.
Konsequenzen von Verhaltensproblemen für die weitere Entwicklung
Die Darstellung der Problembereiche in der Tabelle verdeutlicht die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen aggressivem und sozial-unsicherem Verhalten, die in Präventionen anvisiert werden können.
| Bereich | Soziale Unsicherheit | Aggressivität |
| Sozialkontakte | Wenige | Wenige |
| Freundschaften | Fehlende soziale Fertigkeiten, Freundschaften aufzubauen; wagen nicht, andere Kinder anzusprechen | Fehlende soziale Fertigkeiten, Freundschaften aufzubauen; wählen eher aggressives Verhalten, um Kontakt aufzunehmen |
| Konfliktlösungen | Kinder wählen eher Rückzug, geben nach, vertreten nicht eigene Interessen |
Kinder wählen eher aggressives Verhalten, setzen Interessen mit unadäquaten Mitteln durch |
| Selbstwert | Niedrig | Niedrig bzw. fälschlich überhöht |
| Absichten anderer | Es werden feindselige Absichten unterstellt | Es werden feindselige Absichten unterstellt |
Kinder mit Verhaltens-, emotionalen oder sozialen Problemen sind oft erheblich in ihren sozialen Beziehungen, Freizeitaktivitäten und schulischen Leistungen beeinträchtigt. Aus den Problemen können vielfältige Konsequenzen entstehen, die die ursprüngliche Problematik verstärken, aber auch eine positive Entwicklung in anderen Bereichen gefährden können.
Schulische Probleme, z.B. schlechte Leistungen bis hin zur Schulverweigerung, gibt es sowohl bei ängstlich-zurückgezogenen als auch bei Kindern mit aggressivem Verhalten.
Soziale Unsicherheit kann Kinder in vielen Bereichen einschränken. Sie geht oft einher mit mangelnden Sozialkontakten, Unselbstständigkeit, einem geringen Selbstwert bis hin zu Beeinträchtigungen in den Schulleistungen. Altersgemäße Kompetenzen werden nicht oder nur unzureichend aufgebaut, bereits vorhandene Fertigkeiten werden nicht geübt und gehen sogar verloren. Der soziale Rückzug der Kinder wird in Folge immer stärker, es entsteht ein Teufelskreis, der durch mögliche Zurückweisung durch Gleichaltrige verstärkt wird. Soziale Ängste und mangelhafte Sozialbeziehungen in Folge sozialen Rückzugs werden als Risikobedingungen für spätere soziale Probleme und psychische Störungen angesehen.
Eine Konsequenz aus Verhaltensproblemen kann die Zurückweisung durch andere Kinder sein. Hierfür gibt es verschiedenste Studienbefunde:
- Probleme mit Gleichaltrigen, z.B. Ausschluss von Aktivitäten, stehen in Zusammenhang mit verschiedenen psychischen Problemen, z.B. ängstlich-depressiven Symptomen und aggressivem Verhalten.
- Wissenschaftler konnten auch Zusammenhänge zwischen Zurückweisung durch Gleichaltrige in der Kindheit zu delinquentem Verhalten und Drogenmissbrauch in der Jugend bzw. dem frühen Erwachsenenalter zeigen.
- Früh einsetzende Zurückweisung durch Gleichaltrige geht mit einem Anstieg aggressiven Verhaltens einher. Dabei darf hier nicht eine einfache Beziehungen in eine Richtung angenommen werden, d.h.: Kinder, die durch andere Kinder zurückgewiesen werden, weisen ein höheres Risiko für Verhaltensprobleme auf, und Kinder mit Verhaltensproblemen weisen ein höheres Risiko auf, von Gleichaltrigen abgelehnt zu werden.
- Die Zurückweisung von anderen Kindern kann eine andauernde psychische Belastung für Kinder sein. Sie haben zudem weniger Gelegenheit, soziale Fertigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen zu erwerben, wodurch ihre Probleme noch stärker werden können.
- Zudem kann sich bei den Kindern gleichzeitig die negative Erwartung aufbauen, von anderen Kindern abgelehnt zu werden.
Kindliche Verhaltensprobleme wirken sich zuweilen bis in das Erwachsenenalter aus. Besonders nachdrücklich konnte dies für früh auftretendes aggressiv-dissoziales Verhalten aufgezeigt werden. Speziell Jungen, die bereits früh aggressives Verhalten zeigen und dieses stabil über den Entwicklungsverlauf beibehalten, fallen im Erwachsenenalter durch häufigeres und schweres kriminelles Verhalten auf, z.B. Körperverletzung oder Raub. Insgesamt sind sie häufiger von einer sogenannten antisozialen Persönlichkeitsstörung betroffen als Männer, die kein aggressiv-dissoziales Verhalten in der Kindheit zeigten oder nur im Jugendalter. Sie sind daher öfter vorbestraft, haben nur eine geringe schulische Bildung und gehen seltener einer qualifizierten Beschäftigung nach. Zudem weisen sie in geringerem Umfang soziale Beziehungen auf oder gehen Beziehungen zu Personen ein, die ebenfalls dissoziale Verhaltensmuster zeigen, wodurch die Problematik verstärkt wird. In einer Längsschnittstudie erwiesen sich Erwachsene, die in der Kindheit durch aggressives Verhalten aufgefallen waren, als häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen. Das Risiko war besonders hoch für diejenigen, die neben dem aggressiven Verhalten nur ein geringes Maß sozial kompetenten Verhaltens zeigten. Auch hier zeigt sich, dass sozial kompetentes Verhalten nicht der Gegenpol von dissozialem Verhalten ist, sondern es im Hinblick auf Verhaltensprobleme ein wichtiger Schutzfaktor sein könnte.