Meins-deins-unser? Die Kinder lieben das Spiel!

BASIS-INFORMATION. Der Kindergarten Villa Kunterbunt in Gerolsbach/Bayern setzt seit 2004 Papilio ein. Ein Bericht aus der Praxis.

 

Augsburg/Gerolsbach 2023. „Ein Spiel, bei dem Kinder soziale Regeln lernen sollen? Da war ich anfangs schon skeptisch“, erinnert sich Waltraud Brückl, Kindergartenleitung der Villa Kunterbunt in Gerolsbach/Bayern. Das Meins-deins-unser-Spiel ist eine Maßnahme des Präventionsprogramms „Papilio–3bis6“. Waltraud Brückl nutzt es seit 2004 in ihrem Kindergarten. „Die Kinder lieben dieses Spiel und die Eltern würden es auch gerne zu Hause einführen“, resümiert sie. „Papilio ist im Laufe der Jahre ein fester Bestandteil und fast schon ein Markenzeichen unseres Kindergartens geworden.“

Um Papilio–3bis6 im Kindergarten einsetzen zu können, absolvieren Erzieher*innen eine mehrtägige Fortbildung. Sie lernen die Grundlagen der Sucht- und Gewaltprävention, die einzelnen Papilio-Maßnahmen und wie sie im Kindergarten eingeführt werden. Zertifizierte Trainer*innen führen die Fortbildungen durch, Kontakt zu ihnen bekommt man über www.papilio.de/trainerinnen.html.

Die Fortbildung hat Waltraud Brückl in bester Erinnerung: „Die Bedeutung von emotionalen und sozialen Kompetenzen rückt zurecht wieder mehr in den Fokus der Kindergärten.“ Ihr ganzes Team durchlief 2004 die Fortbildung: „Wir haben über vieles in unseren Dienstbesprechungen diskutiert und sind als Team viel enger zusammengerückt. Man hat einfach eine gemeinsame Basis.“ Als sehr nützlich erlebten Waltraud Brückl und ihre Kolleginnen auch weiterführende Inhalte, beispielsweise zum richtigen Präsentieren: „Bei einem Elternabend fühlt man sich viel sicherer, wenn man zum Beispiel weiß: Wie stelle ich mich überhaupt da vorne hin.“

Soziale Kompetenz – ein alltägliches Thema
Für die Erzieherin ist vor allem das Bewusstsein wichtig, das durch die Papilio-Fortbildung (wieder) bei ihr geweckt wurde: „Soziale Kompetenz – das ist im Kindergarten ein normales Thema, aber bei uns wird wieder mehr darüber gesprochen, bewusst reflektiert, auch das eigene Verhalten. Man muss sich seiner Vorbildfunktion bewusstwerden, gegenüber den Kindern, aber auch gegenüber Praktikant*innen und jungen Mitarbeitenden.“ Mittlerweile arbeitet sie nicht mehr selbst in einer Gruppe, sondern ist für die Leitung der sieben Gruppen freigestellt. In jeder Gruppe arbeitet mindestens eine Erzieher*in mit Papilio-Fortbildung.

Die Einführung des Präventionsprogramms im Kindergarten bedeutet anfangs einen gewissen Aufwand, doch er lohnt sich: „Im zweiten Jahr ist alles viel einfacher, Papilio ist schon fast ein Selbstläufer. Die großen Kinder erklären den kleinen vieles.“ Das entlastet die Erzieher*innen. Diese Selbstständigkeit ist zugleich auch ein Erfolg von Papilio: Die älteren Kinder übernehmen mehr Verantwortung für die neuen. Das beobachtet Waltraud Brückl auch in anderen Zusammenhängen: „Wenn früher ein Kind geweint hat, wurde die Erzieherin geholt. Jetzt versuchen die Kinder selbst zu trösten, sie holen ein Taschentuch oder nehmen das traurige Kind auf den Schoß.“

Koboldbilder an den Wänden
Das ist der Erfolg der Kobolde. Bilder von Heulibold, Zornibold, Bibberbold und Freudibold hängen in allen Papilio-Gruppen an den Wänden. Mit ihrer Hilfe lernen die Kinder den Umgang mit ihren Gefühlen und wie sie auf Gefühle anderer eingehen können. Um die Kobolde rankt sich eine Geschichte, die sie zu den Stars im Papilio-Kindergarten macht – aber nicht uneingeschränkt: „Es kommt auf die Kinder an, manche mögen den Spielzeug-macht-Ferien-Tag lieber“, hat Waltraud Brückl festgestellt.

Am Spielzeug-macht-Ferien-Tag – in der Villa Kunterbunt immer am Freitag – bleibt herkömmliches Spielzeug im Schrank. Eine Geschichte vermittelt den Kindern die Abwesenheit der Spielsachen. Der Tag hat sich gut eingebürgert und neue Kinder bekommen das von den großen schnell erklärt. „Am Spielzeug-macht-Ferien-Tag geht’s oft ein bisschen lauter zu, aber da kann man die meisten Beobachtungen zum Verhalten machen. Gerade Kinder, die sonst Schwierigkeiten haben, lieben die kreativen Möglichkeiten an diesem Tag. Das strahlt auch auf andere Tage aus, weil die Kinder eben mal die Rollen wechseln konnten.“ Zudem profitieren auch Erzieher*innen von diesem Tag: „Man ist nicht mehr der Animateur der Kinder, sondern diese reifen sichtbar zu selbstständigen Wesen heran, die selbst denken und handeln können.“ Das wirkt auch auf die eigene soziale Kompetenz zurück: „Es ist ganz wichtig, dass wir alle auch an uns selbst arbeiten, uns in andere hineinversetzen und fragen: Wie fühlt sich der andere?“

Die Eltern nehmen Papilio sehr positiv auf. Manche fragen gezielt nach, manche haben sich schon im Internet vorinformiert und sind dankbar für die konzeptionellen Informationen. Auch für die Elterngespräche sei Papilio hilfreich, weil es die gezielte Beobachtung und positive Wahrnehmung der Kinder und damit die zielgerechte Rückmeldung unterstütze. Der Papilio-ElternClub startet im Januar zum zehnten Mal und ist „zu einem Markenzeichen unserer Einrichtung geworden“. Eltern und Erzieher*innen tauschen sich intensiv aus – vor allem zu Erziehungsfragen.

Kinder stellen eigene Regeln auf
Der Überraschungserfolg – auch bei den Eltern – ist das Meins-deins-unser-Spiel. Das Spiel dreht sich um das Einhalten sozialer Regeln: „Vor der Einführung hatten wir uns im Team schon überlegt, wie gut es umsetzbar ist“, gesteht Waltraud Brückl, aber das sei nicht nötig gewesen: „Die Kinder haben Spaß daran und lieben das Spiel. Die Regeln übertragen sich wie von selbst in den Alltag. Es kommt immer wieder vor, dass die Kinder selbst Regeln aufstellen und ‚aufschreiben‘ – und mit dem Meins-deins-unser-Spiel einüben wollen.“ Im Spiel unterstützen sich die Kinder gegenseitig, die jeweilige Regel einzuhalten. „Das fördert den Teamgeist. Das ist es, was der Mensch fürs Leben lernen muss“, lobte ein begeisterter Vater.

Verändert Papilio die Kinder? „Auf jeden Fall“, ist Waltraud Brückl überzeugt. „Ich habe das besonders in einer Gruppe mit einigen recht schwierigen Kindern erfahren, die auch schnell mal zugeschlagen haben. Die Kinder wurden viel friedlicher.“ Und was sie außerdem als ausgesprochen positiv empfindet: „Die Kinder sind offener, gesprächsbereiter, besser gerüstet, Konflikte zu lösen. Sie sind raus aus dieser Haltung ‚Biet mir was’, sie sind reifer, sprechen mehr miteinander, verhandeln für kleine Kinder mit, übernehmen Verantwortung und versetzen sich in andere hinein.“

Fazit: Papilio ist seit fast 20 Jahren ein Teil des Kindergartenalltags. Bis auf das Zertifikat in der Eingangshalle und die Koboldbilder sieht es aus wie in anderen Kindergärten auch. Aber es weht ein anderer Geist durch die Räume – vielleicht flattert er ja auch und hat die Form eines Schmetterlings, denn „papilio“ ist lateinisch und heißt Schmetterling.

Zurück