Meins-deinsdeins-unser-Spiel

Das Meins-deinsdeins-unser-Spiel unterstützt Kinder beim Erlernen und Einhalten sozialer Regeln, fördert prosoziales Verhalten und reduziert unerwünschtes Verhalten.

Wie alle Papilio-3bis6-Maßnahmen wird das vermeintlich strenge Thema "Regeln" spielerisch angegangen und in den normalen Kita-Alltag integriert. Die Kinder vereinbaren eine Regel gemeinsam mit der ErzieherIn, z.B.: "Ich lasse den anderen ausreden." Die Kinder sind in Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe, die die Regel in der vereinbarten Spielzeit (anfangs 5, dann bis 15 Minuten) einhält, erhält einen Punkt.

Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass sich die Kinder einer Gruppe gegenseitig beim Einhalten der Regel unterstützen. Die Gruppe, die am Ende einer Spielphase (1 - 2 Wochen) die meisten Punkte im Speicher hat, darf sich etwas wünschen - was aber allen Kindern zugute kommen muss, z.B. eine Lieblingsgeschichte vorlesen oder gemeinsames Kuchenbacken. Bei Punktegleichstand gewinnen mehrere oder auch alle Gruppen - ganz im Sinne des Spiels, da es nicht um "den besten" geht, sondern um den gemeinsamen Gewinn.

Die wichtigsten Ziele des Meins-deinsdeins-unser-Spiels

Das Kind verhält sich gruppenförderlich und prosozial und zeigt kein (oder weniger) sozial unerwünschtes Verhalten. Es kann

  • Regeln für die Gruppe formulieren und begründen,
  • sein Verhalten kontrollieren und
  • vereinbarte Regeln einhalten.
  • Es zeigt sich mitverantwortlich für das Gruppengeschehen und
  • kann sich auf eine Aufgabe konzentrieren und sie zu Ende bringen.
Zwei Jungen sitzen mit ihrer Erzieherin am Tisch und malen; in der linken, unteren Ecke des Bildes steht eine Sanduhr.
Einführung und Durchführung

Die Einführung des Meins-deindeins-unser-Spiels erfolgt in drei Schritten, damit die Kinder das Spiel verstehen. Zudem wird die Dauer der Spieleinheiten entsprechend den sozialen Fähigkeiten der Gruppen verlängert und auch die Spielphasen werden erst nach und nach auf bis zu zwei Wochen ausgedehnt.

Bei der Durchführung wird gezielt auf die bereits vorhandenen sozialen Fertigkeiten der Kinder, auf ausgewogene Gruppen, auf positiv formulierte Regeln und auf das Miteinander der jeweiligen Spielgruppe geachtet. Der Fokus liegt auf prosozialem Verhalten und gegenseitiger Unterstützung. Es gibt keine "Strafe" oder "Punktabzug", sondern nur Belohnung, oder eben ausbleibende Belohnung.

Hintergrund zum Meins-deinsdeins-unser-Spiel

Kindgerechter Aufbau prosozialen Verhaltens

Das Meins-deinsdeins-unser-Spiel dient dem kindgerechten Aufbau gruppenförderlichen und prosozialen Verhaltens. Soziale Regeln (z.B. "ruhig reden und nicht schreien") prägen unseren Alltag. Kinder müssen die Berücksichtigung dieser Regeln wie jede andere Fertigkeit erlernen.

Im Alltag werden Kindern soziale Regeln oft durch Verbote vermittelt, z.B. ist eine häufige Reaktion von Erwachsenen auf Raufereien unter Kindern: "Man schlägt andere Kinder nicht!" Es wird oft vergessen, den Kindern zu sagen, warum sie das nicht tun sollen und was sie stattdessen tun können. Diese Informationen sind für Kinder aber wichtig, denn ein vierjähriges Kind fragt ganz einfach: "Warum soll ich ein anderes Kind nicht schlagen, wenn ich dadurch das Spielzeug bekomme?" Kinder müssen erst lernen, warum sie etwas nicht tun sollen und wie sie es anders machen können. Neben grundlegenden sozial-emotionalen Kompetenzen, die die Basis für das Begreifen und Einhalten sozialer Regeln sind, müssen diese sozialen Regeln vermittelt werden – insbesondere, wenn Kinder erste Verhaltsprobleme zeigen.

Mehr zu sozial-emotionalen Kompetenzen

Statt Verbote auszusprechen, wenn unerwünschte Situationen bereits entstanden sind, schafft das Meins-deinsdeins-unser-Spiel einen entspannten und spielerischen Rahmen, um soziale Regeln zu lernen. Es macht den Lernprozess für Kinder attraktiv und verständlich. Gelenkte Gespräche regen die Kinder dazu an, selbst Regeln für die Gruppe zu formulieren und sie zu erklären und zu begründen. Im Spiel üben die Kinder die Regeln. Das konkrete Üben der Regeln hilft den Kindern, dieses Verhalten auch in anderen Situationen tatsächlich anzuwenden, denn es ist einfacher, etwas zu tun, wenn man es bereits geübt hat.

Theoretischer Hintergrund

In der Kita verbringen Kinder häufig zum ersten Mal im Leben längere Zeit in einer größeren Peer-Gruppe. Sie erleben, dass sie "ein Kind unter vielen" sind und nicht mehr die alleinige Aufmerksamkeit der erwachsenen Bezugsperson(en) haben. Sie machen neue Erfahrungen in Bezug auf

  • den Umgang mit eigenen Bedürfnissen, die nicht sofort oder schnell befriedigt werden,
  • Materialien, die nicht ausreichend zur Verfügung stehen, wann immer sie möchten,
  • Teilen, Abgeben und Verzicht,
  • Hilfsbereitschaft, d.h.: Sie müssen um etwas bitten oder auch anderen Hilfe anbieten, um eigene Ziele zu erreichen, und
  • ein umfassendes, neues Regelsystem.

Für die Orientierung der Kinder im erweiterten, neuen sozialen Umfeld ist es wesentlich, erwünschtes und unerwünschtes Verhalten eindeutig zu bestimmen. In der Kita lernen Kinder in der Peer-Gruppe soziales Verhalten eher durch die Beobachtung der anderen Kinder und nehmen Regeln eher an, wenn diese in der gesamten Gruppe formuliert werden. Indem Kinder in der Kleingruppe lernen, ihr Verhalten aufeinander abzustimmen, werden soziale Verhaltensweisen etabliert und die Kinder erfahren dafür in der gesamten Gruppe Anerkennung.

Das Meins-deinsdeins-unser-Spiel basiert auf grundlegenden Aspekten der Lerntheorie. Abgeleitet wurde es vom Good Behavior Game (GBG), das bereits mehrfach in Langzeitstudien seine Wirksamkeit belegte.

Good Behaviour Game (GBG)

Ziel des GBG ist die Reduktion von störendem Verhalten bei Erst- und Zweitklässlern. Beim GBG werden die Kinder einer Klasse in Kleingruppen mit 5 bis 8 Kindern eingeteilt. Anschließend wird ein Teamwettbewerb um Preise, Privilegien und spezielle Aktivitäten (z.B. Ausflug) durchgeführt. Pro Spieleinheit (10 Minuten bis max. 2 Stunden) wird eine Regel eingeübt. Für störendes Verhalten (z.B. Aufstehen und Umherlaufen), welches im Vorfeld genau definiert wird und damit einen Regelverstoß darstellt, werden "Foul"-Punkte ("schlechte" Punkte) vergeben.

Gewonnen hat die Gruppe, die nach dem Spiel mit ihrer Punktzahl unter einer vorher abgesprochenen Grenze liegt. Es gibt direkt nach dem Spiel eine kleine Belohnung. Außerdem erhalten die Gruppen, die unter der Grenze liegen, Gewinnpunkte ("gute" Punkte). Die Gewinnpunkte können über einen bestimmten Zeitraum (z.B. zwei Wochen) gesammelt werden und am Ende bekommt die Gruppe mit den meisten Gewinnpunkten eine zusätzliche Belohnung.

Das GBG wurde für das Meins-deinsdeins-unser-Spiel für Kindergartenkinder modifiziert. Z.B. führt unerwünschtes soziales Verhalten der Kinder während des Spiels (z.B. Dazwischenreden) nicht zu einem Punkteabzug, sondern das Einhalten der sozialen Regel (z.B. andere ausreden lassen) wird mit einem Punkt gefördert.

Aspekte der Lerntheorie

Das Meins-deinsdeins-unser-Spiel greift zurück auf Aspekte des Lernens am Erfolg (operantes Lernen), des Modelllernens und der sozial-kognitiven Lerntheorie:

  • Lernen am Erfolg
    Ein Zielverhalten (Einhalten einer sozialen Regel) wird gefördert (belohnt durch einen Gewinn), d.h.: Das erwünschte Verhalten wird aufgebaut.
    Ein unerwünschtes Verhalten (z.B. Dazwischenreden) wird konsequent ignoriert. Das unerwünschte Verhalten führt dazu, dass die Gruppe keinen Gewinn erhält, d.h.: Das unerwünschte Verhalten wird abgebaut.
    Durch den Gewinn (bzw. den ausbleibenden Gewinn) und die in Folge ihres Einhaltens der sozialen Regel positiver verlaufenden sozialen Interaktionen, machen die Kinder die Erfahrung, dass ihr positives Verhalten mit für sie angenehmen Folgen verbunden ist.
    Um zu vermeiden, dass die Kinder ein positives Verhalten im Sinne der sozialen Regel ausschließlich während des Spiels und in Erwartung eines Gewinns zeigen (Unterscheidungslernen), oder dass sie nach einmaligem Einhalten der Regel das erwünschte Verhalten wieder einstellen, wird das Meins-deinsdeins-unser-Spiel in mehreren Schritten durchgeführt. Dabei wird von unmittelbaren Formen der Verhaltensförderung in Form von Gewinnen zunehmend übergegangen zu verzögerten Formen (z.B. Wochengewinn, erst nach mehrmaligem Spielen). So werden die Kinder unterstützt, ein positives Verhalten im Sinne der sozialen Regel dauerhaft in ihr Verhaltensrepertoire zu integrieren.
  • Modelllernen / Sozial-kognitive Lerntheorie
    Nach der Theorie des Modelllernens bzw. der sozial-kognitiven Lerntheorie erwirbt ein Kind durch Beobachtung von anderen Kindern neue Verhaltensweisen und führt diese künftig auch aus, sofern es die modellierten Verhaltensweisen als attraktiv einschätzt und ihnen seine Aufmerksamkeit zuwendet. Wird z.B. die soziale Regel im Spiel von Kindern eingehalten, so wird dies von anderen Kindern ebenso beobachtet wie die Folgen (z.B. der Gewinn, der positivere soziale Umgang miteinander). Da das Verhalten im Rahmen der sozialen Regel mit positiven Folgen verbunden ist, weist es eine gewisse Attraktivität auf, so dass dieses Verhalten (= das Einhalten der Regel) von den Kindern positiv bewertet wird. In Folge werden die Kinder mit höherer Wahrscheinlichkeit künftig ein eben solches Verhalten zeigen.
    Das Meins-deinsdeins-unser-Spiel hält die Kinder zudem dazu an, soziales Verhalten nicht nur zu beobachten, sondern auch selbst auszuführen. Auch die ErzieherIn übernimmt dabei eine wichtige Modellfunktion.

Praktische Hinweise zur Umsetzung finden Papilio-3bis6-AnwenderInnen

im Newsletter Nr. 31 auf den Seiten 9 und 10.
im Newsletter Nr. 11 auf den Seiten 2 und 3.
im Newsletter Nr. 2 auf Seite 3.

Mehr zum Programm Papilio-3bis6